Arnsberg — Einführung

 

»Wenn Sie die Augen schließen und an Arnsberg denken,
was sehen Sie?«


Das Titelbild habe ich außerhalb des Ortes aufgenommen, um den es hier geht. Ich stehe genau auf der Grenze, mit dem Blick hinein. Dieser Ort ist eine Kuriosität. Er zählt zu den wichtigsten fünf in Nordrhein-Westfalen, aber kaum jemand weiß, wie es dort aussieht.

Ich stehe dort an dieser Grenze und denke, ich könne eh nur finden, was ich suche. Bin der Meinung, eine fotografische Erkundung hätte relativ wenig mit dem Ort als solchem zu tun. Sie würde nur meine eigenen Interessen zeigen: Gefüge, die bei mir genug Reaktion auslösen, um fotografieren zu wollen. Es wäre weniger ein Bild des Ortes, sondern ein Bild meiner Selbst, ein Bild eines Fotografen.

So sandte ich fünf Fotografen nach Arnsberg. Von seinen fotografischen Erkundungen brachte mir jeder seine Bilder von diesem Ort mit. Ich beobachtete, verknüpfte und zeigte dann die Schnittmenge unterschiedlicher subjektiver Eindrücke.

 

 

 

Was ist eigentlich Arnsberg?

Arnsberg ist einer der fünf Regierungsbezirke von Nordrhein-Westfalen,  der Name einer Stadt und der Regierungssitz ebendieser Bezirksregierung ebendort.

Das außergewöhnliche an Arnsberg ist, dass es in der heutigen Zeit eine sehr kleine, recht ländliche Gemeinde zu sein scheint, aus welcher heraus über einen bedeutenden Teil des Ruhrgebietes entschieden wird.

Als die Preußen 1815 ihr Reich neu gliederten, wurde Arnsberg einer der drei Regierungsbezirke von Westfalen. Mit Beginn der industriellen Revolution war es eine der großen Aufgaben Arnsbergs die Industrialisierung des östlichen Ruhrgebietes zu verwalten. Gleichzeitig durften sie dabei zusehen, wie die von ihnen verwalteten Städte wuchsen und jeweils an Bedeutung dazu gewannen, während Arnsberg weiterhin klein blieb.

Arnsberg war schließlich als Gemeinde so klein, dass es im Rahmen der „Kommunalen Neugliederung NRW“ mit einigen Nachbargemeinden zusammengelegt wurde. Der Name der neu gegliederten Kommune wurde aufgrund der historischen Bedeutung Arnsberg. Die Kommune Arnsberg hat somit rund 78.000 Einwohner, der Stadtteil Arnsberg liegt bei rund 18.000 Einwohnern. Erwähnenswert ist insbesondere, dass die einzelnen Stadtteile räumlich voneinander getrennt sind. Für Durchreisende entsteht kein Eindruck einer Zusammengehörigkeit.

Der Regierungsbezirk

Teil des Regierungsbezirkes Arnsberg sind unter anderem die Großstädte Dortmund, Bochum, Hamm. Die Einwohnerzahl des gesamten Bezirkes liegt bei rund 3,6 Millionen. Mit seiner Größe von 78.000 bzw. sogar nur 18.000  Einwohnern ist dieser Regierungssitz in Bezug auf seinen Bezirk unverhältnismäßig klein.

So kommt es bis heute, dass sich Großstädte wie Dortmund regelmäßig an die kleine Stadt Arnsberg zu wenden haben, da diese hierarchisch zwischen Ihnen und der Landesregierung steht.

Was ist das nun für ein Ort, der solch eine Macht und Medienpräsenz hat, den aber kaum jemand kennt? »Ein Ort ohne Bilder in den Köpfen der Menschen«

Das Projekt

Wie kann ich einen Ort — den Stadtteil Arnsberg und somit das ursprüngliche Arnsberg — möglichst objektiv bebildern?
Ich entwickelte verschiedene Methoden wie ein Ort abgebildet werden kann, ohne, dass die eigenen visuellen Interessen das einzige sind, was am Ende zu sehen ist. Dennoch entschied ich mich für einen weiteren Schritt, nicht selbst zu fotografieren, sondern den Prozess möglichst offen zu orchestrieren. Ab diesem Punkt fotografierte ich in diesem Ort nicht mehr. Ich fotografierte alle Zugänge in diesen Stadtteil. Innerhalb des Stadtteiles fotografierten dann fünf ausgewählte Fotografen. Um meine Bilder von den Abbildungen aus Arnsberg unterscheiden zu können, sind diese in einem runden Format — einiges der wenigen Formate welches keiner der fünf Fotografen für sich wählte.

Arnsberg, der Stadtteil, basierend auf den Wahlbezirken. ( GIS )

Die Fotografen

Wurden von mir beauftragt nichts weiter über Arnsberg zu lesen, an einem Tag ihrer Wahl dorthin zu fahren, zu fotografieren, und Ihre Bewegung durch den Ort aufzuzeichnen. Jeder bekam zusätzlich 5 EUR Taschengeld, welche er vor Ort auszugeben hatte. Im Anschluss sollten diese mir ihre Bilder digital bzw. digitalisiert zukommen lassen.

 

Annette Bohn war am 20.Januar mit dem Auto in Arnsberg.
Sie fotografierte analog mit einem Bildformat von 6x6cm.

Sie aß ein Croissant, trank Kaffe, und gab mir 27 Bilder.


Anna Merten war am 28.Januar mit dem Zug in Arnsberg.
Sie fotografierte analog auf Sofortbildmaterial.

Sie aß etwas Warmes, mit Messer und Gabel, und gab mir 22 Bilder.


Daniel Sadrowksi war am 27.Januar mit dem Zug in Arnsberg.
Er fotografierte digital in einem Bildformat von 24x36mm.

Er aß im gleichen Café wie Annette Bohn. Von ihm bekam ich 84 Bilder.


Tobias Müller war am 2.Februar mit dem Auto in Arnsberg.
Er fotografierte ebenfalls digital mit einem Format von 24x36mm.

Er aß Fast-Food, und gab mir 27 Bilder.


Johannes Pfahler war am 11.Februar mit dem Zug in Arnsberg.
Er fotografierte digital in einem Bildformat von 4,62×6,16mm

Er aß im Gehen, und brachte mir 69 Bilder.


Keiner der fünf Fotografen war je zuvor in Arnsberg.

Es gibt keinen einzigen Punkt welchen alle besuchten.

Annette Bohn und Anna Merten waren generell an keinem einzigen gemeinsamen Punkt.

Das häufigste Motiv war das Bahnhofshotel.

Alle gaben ihr Taschengeld für Essen aus.

 

 

 

Verfahren zur Bildauswahl

Die Entscheidung nicht persönlich zu fotografieren, hatte das Ziel, dass wenn man schon nicht objektiv fotografieren könne, die größtmögliche Annäherung an eine Objektivität die Schnittmenge mehrerer subjektiver Eindrucke sein kann. Bei der Bildauswahl sollte vermieden werden, dass genau jene Motive ausgewählt werden, welche mich als Author persönlich ansprechen. Denn dann hätten wir wieder ein Bild des Autoren, und kein Bild des Ortes. Ein katalogisieren des gelieferten Bildmaterials nach Bildinhalten und Bildwirkung war somit nicht möglich. Die Bilder wurden ausschließlich nach Name des Fotografen und einer fortlaufenden Nummer archiviert. Aus diesem Bildpool wurde nach unterschiedlichen Prinzipien zitiert. Beispielhaft wurden die »Drucksache Arnsberg« als auch eine »dynamische Computerpräsentation« angefertigt.

Die Drucksache Arnsberg

Das Buch ist Ergebnis unterschiedlicher Methoden zur Bildauswahl. Auslöser für das Senden mehrerer Fotografen war das Eingrenzen subjektiver Einflüsse, sowie die Vermeidung der Behauptung des Absoluten Bildes. Das Buch besteht aus vier Kapiteln, welche 4 Methoden entspringen. Das Buch wurde nicht als eigenständiges Werk entwickelt, sondern als Drucksache, um die Konzepte zu Bildauswahl und Bildfolge innerhalb des Mediums „Buch“ zu demonstrieren.

1. Kapitel: Prolog

Der Prolog ist ein erster Einblick in das vorhandene Bildmaterial. Eine vorgefundene Zahlenfolge — die Postleitzahl des Stadtteil Arnsberg — definiert, welche Bildnummern verwendet werden. Die Bilder der Fotografen sind jeweils beginnend von 1 aufsteigend durchnumeriert. Die PLZ 59821 gibt somit vor, dass das 5.Bild, 9.Bild, 8.Bild, 2.Bild und 1.Bild genutzt werden. Die Auswahl welches Bild welches Fotografen gewählt wird, erfolgte in der Drucksache chronologisch (in der digitalen Präsentation erfolgt es zufällig).

Sowohl die Bildauswahl als auch die Platzierung und Größe ist hier zufällig generiert worden. Vorgegeben waren die Bildnummern 5,9,8,2,1

2. Kapitel: I. bis V.

I. – V. gehören zum Kapitel »Vorstellung« und zeigen jeweils das Bildmaterial der 5 Fotografen. Es geht hier maßgeblich um die Vielschichtigkeit des Wortes Vorstellung. Die Methode  lässt sich gut umschreiben mit dem Begriff ›Probebohrung‹. Aus jedem Bildpool werden 4 Positionen nach den immer vier gleichen Variablen entnommen, welche dann auf je einer Doppelseite gezeigt werden.

Die erste Doppelseite zeigt stets die erste Fotografie aus dem jeweiligen Bildpool. Auf der rechten Seite, innerhalb des Gestaltungsrasters zu 100% Größe.

Die letze Doppelseite — die vierte — zeigt immer das letze Bild aus dem jeweiligen Bildpool. Ebenfalls innerhalb des Gestaltungsrasters zu 100% Größe.

Auf den beiden anderen Doppelseiten wird ein Prozentstatus gezeigt: Die Positionen 33% und 66%  des jeweiligen Bildpools.
Hierfür findet eine Berechnung statt. Aufgrund deren Ergebnis wird stoisch ausgewählt und platziert.
Beispiel: Bei einer abgegebenen Bildmenge von 27, entspricht 33% der Zahl 8,91. Da es nur gerade Zahlen als Bildnummern gibt, wurden somit Bild 8 und Bild 9 automatisch ausgewählt. Bild 8 findet Platz auf der linken Seite, Bild 9 auf der rechten Seite. Die Bildgröße wird durch die Nachkommazahl automatisch festgelegt: Bild 9 bekommt eine Größe von 91% innerhalb des Gestaltungsrasters, Bild 8 die übrigen 9%.

3. Kapitel: Suche

Von den Fotografen bekam ich 229 Bilder. Darauf basierend habe ich nicht versucht mir ein Bild von diesem Ort zu machen, sondern habe nach Gemeinsamkeiten gesucht. So steht neben einer Sicht auf das Gebirge ein Foto eines Erdhaufens, so folgt auf den Rosenbogen eines Gartens ein Torbogen. 26 Seiten, A bis Z, begleitet von dem Grundrauschen  generierter Suchvorschläge

 

4. Kapitel: Dialog

Annette Bohn und Anna Merten waren in unterschiedlichen Bereichen des Stadtteiles Arnsberg unterwegs. Faszinierend, dass in so einem kleinen Gebiet genügend Platz ist, den selben Ort zu besuchen ohne das Selbe sehen zu können. Dieses Kapitel ist ein kurzer Bildwechsel, ein kurzes Gespräch, mit Bildern welche formal oder inhaltlich oder außerhalb des Anschnittes Gemeinsamkeiten aufweisen.

Routen von Bohn und Merten durch Arnsberg
Bildmaterial von Bohn und Merten nach Algorithmus kombiniert. (gegensätzlich zur Präsentation im Buch)

 

Innenschlaufen des Buches

Innenschlaufe mit Seitenzahl,Kapitelnummer, Author+Bildnummer und Innenmuster

Während Bilder gezeigt werden, befinden sich keine Texte auf den Seiten der Drucksache. Die Seitenzahlen, Kapitelname, Autoren und Bildnummern finden sich in den Innenschlaufen.

Dort befindet sich ebenfalls ein generisches Muster.
Es verhindert, dass Bilder hindurchschimmern, und zeigt an, wessen Bilder gerade zu einem »Muster« verflochten wurden.  Ein Zitat an alte Landkarten, welche auch für blickdichte Briefumschläge umgenutzt werden. Hier geschieht dies aufgrund von Informationen basierend auf den Bewegungsprofilen der einzelnen Fotografen. Die Routen aller Fotografen wurden analysiert, und darauf bezogen wurde ein möglichst einfaches und gleichmäßiges Muster entwickelt (in Bezug auf die Blickdichte ist Gleichmäßigkeit ein Argument). Dieses symbolisiert die Bewegung des einzelnen und aller Fotografen. Jedem Fotografen wurde eine einfache gerade Linie in seiner Kennfarbe zugewiesen. Fotografen deren Routen sich berührten, deren Muster berührt sich ebenfalls. Die Punkte innerhalb des Musters (siehe Foto oben) geben das Raster, die Planquadrate bzw. mich als orchestrierenden Autoren wieder. Die Handzeichnung dieses Musters versucht an die verbleibende, nie zu vermeidende Subjektivität zu erinnern.

 

Das Muster von Bohn und Merten. Ihre Strecke berührt sich nie. (Bohn gelb, Merten magenta, cmyk Farbraum)

 

Das Muster aller Autofahrer

Eine dynamische Bildstrecke

Bei einer digitalen Präsentation der Bilder bieten sich weitaus flexiblere Möglichkeiten wie bei einer statischen Drucksache. So können Bildstrecken auf einer Internetseite oder bei einer Projektion immer wieder neu generiert werden. Exemplarisch hierfür nutzte ich den Algorithmus und zeigte »Zwölf Seiten, orientiert an der Fibonacci-Folge«.

Mit jedem aufrufen der Bildstrecke, und jedem Seitenwechsel werden Bilder und Bildmenge basierend auf der seriellen Ziffer der Fibonacci-Folge automatisch innerhalb der Projektionsfläche ausgewählt, platziert und skaliert. Im folgenden die »Seite 6« in vier automatisch generierten Versionen.

„Seite 6“ — vier Ansichten, jeweils gänzlich automatisch generiert.

Eine weitere Möglichkeit bietet das Vernetzen mit weiteren »externen Bildatenbanken« wie beispielsweise der Fotoplattform flickr oder der Google Bildersuche. In einem weiteren Schritt wurde ebendies umgesetzt, und extern gefundene Bilder wurden mit Bildern ‚meiner‘ fünf Fotografen kombiniert. Der Algorithmus suchte hierfür nach dem Schlagwort oder/und der Ortsangabe ‚Arnsberg‘ in diesen Bildmengen, und wählte zufällig einen der Treffer aus.
Aufgrund der fehlenden Qualitätskontrolle des Ausgangsmaterials —  im Sinne der Verortung und ortsbezogenheit — war das Ergebnis zu unpräzise, und somit vom Gedanken und der Fähigkeit einer Ortsbeschreibung zu weit entfernt.

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